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Streetfight: Unterschied zwischen MMA, Kampfsport und Selbstverteidigung

Streetfight: Unterschied zwischen MMA, Kampfsport und Selbstverteidigung


Hallo. Was genau ist effektive Selbstverteidigung? Was bedeutet realistisches Training? Heute gehe ich auf Kommentare der letzten Wochen ein und erkläre, worauf man beim Training achten sollte. Schaut Ihr gerne Boxen oder MMA? Tolle Sportarten, ich mag beide. Ich habe riesigen Respekt vor der Leistung der Sportler. Alle verfolgen ein Ziel und haben etwas gemeinsam: Sie arbeiten kontinuierlich an sich, um ständig besser zu werden. Ich finde das super. Kennt Ihr die Situation kurz vor dem Kampf, wenn sich beide Sportler gegenüber stehen? Mit dem Ringrichter, oft ganz nah. Fast Nase an Nase, hochkonzentriert. Das gibt es so auch auf der Straße. Seht selbst: Ich habe solche Szenen schon oft gesehen. Auch auf YouTube gibt es etliche Videos, in denen jemand mit einem Schlag niedergestreckt wird. Der Kampf ist zuende, bevor er begonnen hat. Genau das ist der Unterschied zwischen Sport und Straßenkampf. Beim Sport gibt es zwei Gegner, beide wollen sich messen. Beide wollen gewinnen, sie bereiten sich über lange Zeit auf den Wettkampf vor. Sie studieren ihre Gegner und haben den Kampf im Training simuliert. Aber die Verletzung des Gegners ist nicht ihr Ziel. Beide Sportler haben die Regeln anerkannt und ein Ringrichter überprüft dies im Kampf. Es gibt Gewichts- und Altersklassen. Frauen und Männer kämpfen getrennt, Waffen sind verboten. Aber genau das passiert täglich auf der Straße: Jüngere Menschen greifen ältere an, Starke die Schwachen. Männer bedrängen Frauen. Da hilft kein Sport. Regeln helfen nur, wenn sich beide daran halten. In den Kommentaren lese ich ab und zu: Ihr müsst mehr Sparring machen, um Euch auf der Straße verteidigen zu können. Sparring ist eine gute Trainingsform, hilft Dir aber nicht, wenn Dich jemand mit dem ersten Schlag K.O. schlägt. Außerdem wird im Sparring meist nicht geredet. Schaut Euch Straßenkämpfe an, wie beginnen die? Mit einer Auslage und zwei Meter Abstand? Vor- und zurücktänzeln wie im Sparring? Die Schlägereien, die ich gesehen habe, haben anders angefangen: Der Schläger redet sich heran und schlägt mitten im Satz zu. Innerhalb Sekunden sind die meisten Kämpfe entschieden. Straßenkämpfe laufen nicht wie ein Boxkampf ab. Sie sind unfair und dreckig. Deshalb lege ich soviel Wert auf Achtsamkeit und Deeskalation. Denn selbst, wenn Ihr Euch verteidigen könnt, fühlt sich das nicht wie ein Sieg an. Es ist kein Turnier. Es ist einfach nur sinnlose Gewalt, die Ihr am besten vermeidet. Zum Thema Kampfsport: Versteht mich bitte nicht falsch. Ich selbst trainiere auch Grappling und Sparring. Aber weil es mir Spaß macht. Alle Kampfsportarten bilden Fähigkeiten wie Kondition, Kraft, Schnelligkeit und einige andere aus. Aber auf der Straße gewinnt nicht der mit der besten Kondition. Und die Spezialtechnik, die in vielen Turnieren zum Sieg führte, kann zur Falle werden. Ich sage nur: Ground ‘n Pound. Ein gutes Beispiel, für eine Technik, die im Ring oder auf der Matte super funktioniert, aber auf der Straße gefährlich ist. Wenn man als Verteidiger selbst mit zu Boden geht oder wie hier sich auf den Angreifer am Boden konzentriert, läuft man Gefahr, dass sich Außenstehende einmischen. Hier war das noch harmlos. Der Verteidiger hatte Glück, dass der zweite Angreifer versuchte, zu schlagen. In den meisten Fällen springen Außenstehende hinein und treten zum Kopf. Hier hat der Verteidiger gut reagiert und beide Angreifer gekonnt ausgeknockt. Aber: Er hatte auch großes Glück. Taktisch war sein Verhalten für die Selbstverteidigung nicht ideal. Schauen wir uns die beiden Verteidiger einmal an: Hier, Stop. Beide schubsen den Angreifer von sich weg, um sich Platz zu machen. Der erste Verteidiger nimmt eine Kampfposition ein, der zweite aber nimmt die Hände nach oben. Hier seht Ihr beide nebeneinander. Wenn Ihr jetzt Zeugen wärt, was würdet Ihr sagen? Ich würde sagen: Links stehen zwei Kämpfer gegenüber, auf der rechten Seite ist einer, der nach hinten geht und deeskalieren will. Das sagt seine Körpersprache aus. Das kann vor Gericht entscheidend sein. Denn Notwehr ist es nur dann, wenn der Richter es als solche anerkennt. Schauen wir weiter: Der Verteidiger befördert den Angreifer mit einem Wurf zu Boden und setzt mit Schlägen nach. Allerdings mit Kopf und Blick nach unten Verteidiger zwei benutzt dagegen Kombinationen sobald er bemerkt, dass er Wirkungstreffer platzieren konnte. Er schaut sich zu allen Seiten um, ob es noch weitere Angreifer gibt. Dadurch kann er besser auf den zweiten Angreifer reagieren. Sehr gut! Die meisten achten bei der Selbstverteidigung zu sehr auf Techniken. Mindestens genau so wichtig ist die Taktik und die lernt man nicht im sportlichen Vergleich. In der Selbstverteidigung gilt: Wenn Ihr nicht deeskalieren oder flüchten könnt, habt Ihr nur noch eine Wahl: Aktion, Flucht und dann Hilfe rufen. Das hat nichts mit Sparring und Turnierkampf zu tun. Das heißt nicht, dass man das nicht üben muss. Im Gegenteil: Ihr müsst die richtigen Schwerpunkte setzen: Ihr benötigt K.O.-Power, also müsst Ihr Schlagkraft trainieren und wissen, wo man hinschlägt. Ihr müsst die biochemischen Prozesse im Körper kennen und Angst kontrollieren können. Ihr benötigt ein spezielles Sparring für den Straßenkampf. Ihr müsst Rollenspiele üben, in denen Euer Trainingspartner Euch bedroht und zwar möglichst realistisch Natürlich ist das nur simuliert, man erreicht nie hundert Prozent einer realen Situation. Aber üben hilft für den Ernstfall. Auch wichtig: Wechselt für so etwas Euren Trainingspartner. Je fremder Euch derjenige ist, der Euch im Training anschreit, beleidigt und bedroht, desto besser. Außerdem noch eine Warnung an alle WingTsun Fans: Seid nicht zu Technik-verliebt. WingTsun ist ein so ausgeklügeltes System, dass man Gefahr läuft, sich in die Details zu verlieben. Vergesst nicht die Basics: Schlagtraining, Stresstraining und Kommunikation. Einer schreit, einer schubst, daraus entsteht eine Sparringsequenz. Plötzlich zieht jemand ein Messer: Was tun? Wo ist der Fluchtweg? So muss Euer Training aussehen. Und wenn Ihr denkt, Ihr habt die Situation gelöst und seid sicher, reißt Euch ein anderer Partner von hinten zu Boden, ganz überraschend. Ihr müsst Euch hochkämpfen. In der Zeit ist er Angreifer wieder aufgestanden und alles geht von vorne los. Ihr müsst so trainieren, wie Ihr kämpft. Und noch etwas: Schlagt keine Luftlöcher. Ich sehe Schüler, die schlagen ihrem Partner auf die Schulter anstatt auf effektive Ziele. Oder sie tragen dicke Handschuhe und schlagen im Training auf den Hinterkopf. Probiert das mal ohne Handschuhe, so schnell könnt Ihr nicht schauen, wie Ihr Euch die Hand gebrochen habt. Also seid realistisch. Prüft, wo ein Fauststoß angebracht ist und wo Ihr besser mit der Handfläche zuschlagt. Damit könnt Ihr auch harte Ziele angreifen, auf denen Eure Fingerknöchel nichts zu suchen haben. Achtsamkeit, realistisches Training und die richtige Taktik sind das wichtigste in der Selbstverteidigung. Ich wünsche Euch eine sichere Zeit. Euer Oliver.

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50 thoughts on “Streetfight: Unterschied zwischen MMA, Kampfsport und Selbstverteidigung

  1. Die Angst zu kontrollieren würde mir am schwersten fallen…glaub da würde ich nur verteidigen und abhauen…

  2. .. "Sparring hilft dir nicht, wenn dich einer mit dem ersten Schlag zu Boden befördert.." is richtig, da hilft dir so oder so nichts.
    Aber beim Sparring lernst du die Kampferntfernung zum Gegner kennen.. Kennst den Gefahrenbereich. Lernst die Deckung oben zu halten. Und dir is das Gefühl nicht fremd, wenn du mal eine aufs Maul bekommst.
    Viele gehen beim ersten Schlag K. O., oder fallen in eine Angststarre, weil sie das Gefühl nicht kennen. Wenn das Hirn da n bisschen rum eiert sagt der Körper.. Nee ich mach mal Pause, das gefällt mir nicht..Zudem ist bei vielen auch die Nackenmuskulatur nicht sehr ausgeprägt..

    An die Sparring Gegner.. Ihr könnt ja mal schlachartig den Kopf in den Nacken werfen und schauen ob euch schwummrig wird.
    Klingt immer so belehrend, aber ich finds nicht richtig zu sagen, dass regelmäßiges Sparring bei einem Straßenkampf nichts bringt.

    Es könnte sogar Yoga helfen, wenn man dadurch seinen inneren Frieden findet und den Kontrahenten nicht anbrüllt und herausfordert 😅👍

  3. Hallo GM König, wie immer ein sehr ansprechendes Video. Ich schaue mir immer wieder gerne Ihre Videos an denn sie zeigen genau wie es auf der Straße zugeht.

  4. Das ist eines der besten Videos, das zum Thema SELBSTVERTEIDIGUNG AUF DER STRASSE gedreht wurde. Und genau dafür ist WingTsun entwickelt worden, als Selbstverteidigung für Schwächere gegen größere und stärkere Angreifer; kein Kampfsport, sondern intelligente Selbstverteidigung.

  5. …und wieder perfekt auf den Punkt gebracht! Es gibt viele SV/Nahkampf Trainings in Deutschland aber ich behaupte nur wenige die das verstanden haben. Klasse!

  6. Sparring ist eine wichtige Trainingsmethode um den Kampfgeist auszubilden. Sehr gutes Video!!!

  7. Zu beachten: Sparring IST wichtig, allerdings wie im Video erwähnt spezielles Sparring für den Straßenkampf. Unter nicht-sportlichen, sondern realistischen Bedingungen: Kommunikation, Mehrere Angreifer, Messer wird gezückt, hinterhältige Angriffe. Auch diese Themen behandle ich in meinem E-Paper: http://bit.ly/2jHS8XW
    Viele Grüße

  8. Was würde ich für eine Trainingseinheit bei dir geben Oliver! Ich liebe deine Videos. Von vorne bis hinten Qualität! Sowohl die Darstellungen als auch die Inhalte. Einfach top💪🏻

  9. Erst dachte ich "da wird Selbst Der zum Schwätzer", aber Selbst dieses Thema ,wurde jetzt hier perfekt abgehakt.
    Diesen Kanal kann man wirklich ,ohne schlechtes Gewissen, weiterempfehlen.

  10. Ist auch immer wieder Thema im Training. Sehr gut erklärt mit aussagekräftigen Bildern. Mit dem Video bleibt keine Frage offen. Super.

  11. Hallo Oliver & Team! Sehr lehrreiches Video, Erklärungen exakt auf den Punkt gebracht. Sehe das genau so. Klasse! 🙂

  12. Perfekt erklärt. Die Unterschiede detailiert zusammengefasst und auf den Punkt gebracht. In etwa so erkläre ich es auch gerne und kann aus dem Video noch etliches mitnehmen. Danke 🙏🏻

  13. Hallo Olli. Zum Thema "Sparring": Es ist tatsächlich sehr wichtig, weil man dadurch ein Gefühl bekommt, wie sich eine streßige Situation anfühlt. Auch Sparring gegen zwei Angreifer sollte man "ausprobieren".

  14. Als Ex-Wtler (vor etlichen Jahren) finde ich das System immer noch Spitze!!!
    Was hab ich mitgenommen?
    – Aufmerksamkeit
    – Prinzip über Technik
    – Wer zuerst den Treffer landet gewinnt meistens ( Keine Aufforderung zum Erstschlag, nur Erfahrung der Strasse)

    Was oft nicht angesprochen ist und hier beiläufig mitläuft > Behaltet mal den Timer im Auge, wie lange dauert so ein "Strassenkampf"!?
    Und hier noch aus Demozwecken klar verlangsamt!!!

    Tolles Video GM König!✌

  15. Mein Bruder ist mal unfreiwillig in eine Schlägerei geraten und wurde dann ins Gesicht getreten, weil er sich zu einem am Boden liegenden Freund runtergebeugt hat, bevor der Kampf vollständig beendet war. Ist Gott sein Dank alles gut ausgegangen.

  16. Wenn nur alle dieses Video sehen würden. Letztens wollte mir ein Boxer ernsthaft erzählen, dass er sich gegen ein Messer schon ganz gut wehren könne. (Gerade ein Boxer, der nicht mal treten kann, um per Glückstreffer des Gegners Knie zu zertrümmern, bevor das Messer zwangsläufig trifft.) Ich habe ihm den gesamten Abend über immer wieder (hoffentlich wenigstens etwas erfolgreich) erklärt, das man gegen ein Messer selbst mit zehn Jahren Kampf(sport)erfahrung oder auch reiner Selbstverteidigung nur mit viel Glück und Nerven aus Stahl mal "gewinnt", aber zu über 90% schwer verletzt wird und, wenn der Gegner das will, stirbt. Egal, ob erst gedroht wird oder noch schlimmer einfach unsichtbar/heimlich zugestochen. Einige Kampfsportler sind da sehr anfällig für Arroganz.

  17. Hallo! Super Videos, ich folge Sie seit ca. 2 Wochen. Wie kann ich mich verbessern? Ich kann aus gesndheitlichen Gründen kein Thai Boxen mehr beteiben. Ich habe somit mit Selbstverteidigung begonnen. Zuhause Trainiere ich mit Holzpuppe und Boxsack. Haben Sie mir einen Tipp/Ratschlag wie ich realistischen Situationen simulieren kann ohne Trainingspartner? Viele Grüsse und danke im Voraus. 🙏☯️🐉

  18. Sehr sehr gutes Video..
    Ganz mein Reden man sollte beim Training zielgenau schlagen..sonst bringt das ganze Training absolut nix..
    Top👍🏽

  19. Gutes Video! Sehr schön ausgeführt. Der wichtigste Unterschied war direkt zu Anfang klar: Der Ringrichter! Ich hab das Gefühl, dass die Übergriffe heutzutage immer brutaler werden. Umso wichtiger sind deine Ausführungen!

  20. Sehr gutes Video, aber einen Hinweis kann ich mir nicht verkneifen:
    In Minute 5:21 (dem "richtigen" Verhalten) stellt sich der Verteidiger genau zwischen den am Boden liegenden 1. Angreifer und den neuen 2. Angreifer, was eine Katastrophe ist. Ein Schritt / Schubser zurück und die Sache wird spannend….

  21. Also ich setze alles darauf…. wenn auf der Straße, eine Gruppe von Boxern oder MMA Fightern, sich mit einer Gruppe aus dem Wing Tsun, (wie zb die Herren im Hintergrund des Videos) prügeln würden, es wirklich ganz ganz übel für die Wing Tsunler ausgehen würde!!
    Das wäre David gegen Goliath!

    Mit WT mag man sich vllt gegen einen Otto Normalverbraucher zur Wehr setzen können, aber nicht gegen richtig gute Fighter.
    Da sagen ja selbst SV Experten, wie Padmams Sport.
    Gegen gute Kampfsportler kommt man mit SV nicht weit…. das ist einfach so.

    Sorry ist nicht böse gemeint.

    PS: Wer hätte sich mit Mike Tyson prügeln wollen?? 😂😂

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